Spatzmausen – und mehr aus dem deutschen Wörterbuch des Baslers Johann Jacob Spreng (1669-1768)

Lesetipp: Unerhörte Auswahl vergessener Wortschöpfungen aus J.J. Sprengt Archiven – Verlag das Kulturelle Gedächtnis

Wer textet, liest. Und Wörterbücher, sind der Texterin liebstes Kind.

 

 

Eine Buch-Trouvaille

Die «Unerhörte Auswahl vergessener Wortschönheiten» von Johann Jacob Spreng ist eine Trouvaille für Schreibende.

Sie entzündet uns Wortarbeitende, regt uns zu schöpferischem Auf-die-Spitze-Treiben an bis auch die allerletzte Synapse schlapp macht. Sie erschien soeben im Verlag Das kulturelle Vermächtnis.

Klar gegliedert und schön gestaltet in anmächeligen Farben, ist das Nachschlagewerk eine permanente Einladung, unverbrauchte Worte zu entdecken und nach Herzenslust zu schmökern.

Einleuchtende, sinnfällige Worte, die häufig von irisierender Schönheit sind – das lässt das Herz der Texterin bei jedem Blick in das hübsche Buch hoch schlagen. Nicolas Fink brachte die «Unerhörte Auswahl vergessener Wortschönheiten» ans Licht, Gabriel Schaffter spendete das Vorwort dazu.

Die «Bubengasse» und andere Kostproben

Ist doch klar, meinen Sie – das Wort «Bubengasse» bezeichnet einen schmalen Durchgang zwischen historischen Häusern. Weit gefehlt, das wäre zu einfach.

Gemäss Spreng hat das Wort die Bedeutung des «entblössten Busens eines leichtfertigen Frauenzimmers». Das hätten Sie auch nicht gedacht; Sie teilen mein Schmunzeln, nehme ich an.

Das «Spatzmausen» gehört ebenfalls ins erotische Kapitel. Ja. «Spatzmausen» heisst «der Wollust nachziehen und auf alle Weiber zufliegen». Doch wie ist das Wort lieb, verführerisch und charmant! Lassen Sie es auf Ihrer Zunge zergehen.

«Spatz» ist auch ein Kosenamen und es gibt ihn in der Hand, statt der Taube auf dem Dach.

Das «Mausen» kann der Kater nicht lassen.

Es liegt also nahe, die beiden Worte zu verheiraten, «Spatz» und «Mausen» fortan als betörendes «Spatzmausen» einzusetzen.

Das Wort berührt und heizt unserer Fantasie ein. Obendrauf erzählt es uns schöne Geschichten. Das lässt mich ein Loblied auf die deutsche Sprache anstimmen: Wie wunderbar und vielfältig sie ist, ein Instrument, dem ich immer wieder neue Klänge entlocke.

Mit einzigartigen, reizvollen, lustigen und sonderbaren Wörtern geht’s auf über 360 Seiten weiter in dieser Auslese. Sie hält, was der Titel verspricht: «Eine Auslese vergessener Wortschönheiten» die zeigt, dass deutsche Sprache leicht und vergnüglich sein kann – vor 250 Jahren und heute noch viel mehr.

Spreng, Johann Jacob

Johann Jacob Spreng – 1699 bis 1768 – war gebürtiger Basler. Er studierte Theologie, war Hauslehrer und hatte in Württemberg und in der Pfalz verschiedene Ämter als Pfarrer inne.  Als ausserordentlicher und somit unbezahlter Professor für Poesie und Beredsamkeit kehrte er 1743 nach Basel heim. Sein Auskommen fand er als Pfarrer in einem Waisenhaus. Er verhalf dem durch Gottsched vertretenen modernen Typus der neuhochdeutschen Schriftsprache zum Durchbruch in seiner Vaterstadt. Es ist auch Sprengs Verdienst, das das bisher das Feld beherrschende süddeutsch gefärbte Kanzleideutsch  mehr und mehr in den Hintergrund treten konnte.

Sprengs Leben bietet das Bild einer dornenvollen, an Zurücksetzungen und Enttäuschungen reichen Gelehrtenlaufbahn. Dennoch gilt sein Hauptwerk, an dem er viele Jahre arbeitete, als umfassendes historisch-kritisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Werk sollte das allerälteste Deutsch berücksichtigen, die Wiederbelebung alter guter Ausdrücke und die Ausmerzung oberdeutscher Particularismen erörtern. Es entstand noch vor dem viel bekannteren Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.