Gendern – geschlechtergerechte Sprache

Die neue Sprachdiktatur – NZZ a/Sonntag-Journalist Christoph Zürcher fuhr starkes Geschütz auf in seiner Kolumne im Juni im Magazin. Das Gendersternchen hatte sein Fass zum Überlaufen gebracht. Er holte daraufhin zu einer Breitseite gegen Sprachpuristen aus. Diese würden Regeln über das stellen, was mittels Sprache ausgedrückt werden soll. Gendersternchen & Co. –  das sei einfach nur hässlich und gehe einfach gar nicht.

Als Texter!n kann ich nicht in sein Lied einstimmen. Zu arrogant und langweilig fand ich seine männliche Sichtweise auf «Gendergerechtesprache». Dass die persönliche Kritik nur so troff vor männlicher Bequemlichkeit, machte seinen Text nicht lesenswerter.

Gendersternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt

Lösungen mit Gendersternchen, Binnen-I oder einem Doppelpunkt wirken trennend. Darum überzeugen sie mich ebenfalls nicht. Aber wie gehe ich als Texter!n professionell mit Gendersprache um? Es ist Zeit, Farbe zu bekennen und dann das Wort «Gendern» im «Friedhof der verbrauchten Wörter» zu begraben. Es ist mir gehörig verleidet, so häufig wie es in den Medien benützt wird, ohne dass damit neue gleichstellende Ansätze für Sprache und Gesellschaft gesucht oder gar geschaffen würden.

«Zur Welt kommen – zur Sprache kommen»

Peter Sloterdijk

Sprache dient der Identitätsbildung. Darum ist «Gendern» wichtig, keine Frage. Der Term umfasst eine vielschichtige Herausforderung und hat das Potenzial, zu nerven. Dies, weil die deutsche Sprache vom «Männlichen» beherrscht wird. Texte ich aber nur für Leser, grenze ich die Leserinnen aus; schreibe ich die Leserinnen an, fühlen sich die Leser weder angesprochen noch mitgemeint, allenfalls düpiert. Also habe ich mir eine eigene Strategie für gendergerechte Sprache, respektive Ansprache zurechtgelegt.

Text follows Function

Mein Text muss zielführend sein. Dieser Aufgabe ordne ich alles unter. Auch Sprachregeln und den Wunsch nach gendergerechter Sprache. Als Texter!n ist es meine Aufgabe, dem Text Wahrnehmung zu verschaffen und lesefreundlich zu schreiben. So, wie es meine Kundinnen und Kunden und deren Zielpersonen am besten ankommt.

Aber ich arbeite subversiv an «Gendersprache» und flechte da einen weiblichen Artikel, dort eine Paarform ein und suche neutralisierte Formen wie die/der Studierende und die/der Angestellte. Ist klar, dass das Zielpublikum mehrheitlich weiblich ist, texte ich konsequent für Frauen; die Männer sind dann einfach mitgemeint.

Das alles mache ich nicht erst seit gestern, sondern seit mich Luise F. Puschs Studie «Gewalt durch Sprache» sensibilisiert und feminisiert hat. Irgendwann im vergangenen Jahrhundert war das, ja.

Luise F. Pusch

Die Sprachwissenschaftlerin gilt als Begründerin der feministischen Linguistik. «Im Zeitalter der Information gibt es überhaupt nichts Wichtigeres als die Sprache.», sagt sie im Interview mit jetzt.de 2019 und doppelt nach:

«Das weibliche Geschlecht wurde in der Sprache schon immer diskriminiert.» Pusch offeriert kreative Lösungen, die weit in die Gesellschaft hineinwirken könnten. Die Professorin geht auch auf Anliegen an gendergerechte Sprache von LGBTQ-Menschen ein. Sie befürwortet diese, stellt sie aber in eine nachvollziehbare prozentuale Verhältnismässigkeit zur Diskriminierung des weiblichen Geschlechts in der Sprache.

Es geht ohne * : I

Meine Sicht ist: Gendersternchen und Genderdoppelpunkt beeinflussen die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache negativ. Vermutlich weil die Zeichen trennend wirken, vielleicht sogar die Trennung der Menschen in Mann und Frau schmerzhaft sichtbar machen.

Darum appelliere ich an euch, liebe Freundinnen und Freunde der sprachlichen Gleichstellung: Halten wir uns die Macht der Wörter vor Augen, texten wir geschlechtersensibel. Das ist lustvoll; zum Beispiel, wenn ihr vermehrt das ! und den ^ einsetzt. Millionärïnnen und Informatikerîn – was hältst du davon? Man kann sich natürlich auch etwas mehr anstrengen und treffende eigene Formulierungen texten.

Den (eingedeutschten) Begriff „Gendern“ benötigen wir dann nicht länger. Lasst uns das Wort liebevoll in meinem «Friedhof der verbrauchten Wörter» beerdigen.

Tipps für die sprachliche Gleichstellung

Wenn wir das Rad nicht neu erfinden wollen: unter anderem bietet der Leitfaden zum genderbewussten Formulieren für Mitarbeitende und Studierende der FHNW Lösungsmöglichkeiten bei kniffligen Fragen.

Für weitergehende Inspirationen an geschlechterneutrale Sprache sowie für Überarbeitungen bestehender Texte schreibe mir bitte eine E-Mail an info(at)aschmann.com.

 

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