Das Geheimnis des guten Schreibens

Michael Maar: Für guten Stil braucht es mehr als die richtige Feder

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz – das Geheimnis grosser Literatur. Rowohlt, 2020, 655 S.

Wer gut schreiben kann, schreibt wirkungsvolle Texte. Was aber ist ein guter Schreibstil – Germanist Michael Maar geht der Frage u.a. in einem Essay in der NZZa/Sonntag nach. Die vergnügliche Sonntagslektüre, empfehle ich gerne allen, die an guten Texten interessiert sind und selbst immer besser schreiben wollen.

Maar ruft uns einige spannende Beurteilungskriterien und den grossartigen Schriftsteller, Aphoristiker und Kritiker Alfred Polgar der Wiener Moderne in Erinnerung. Dieser meinte zum Kunstwerk und insbesondere zu literarischer Grösse und Stil: «Das Entscheidende liegt in dem, was sich nicht wägen, messen, spiegeln, isolieren lässt.» Damit spricht der bereits 1955 verstorbene Autor direkt aus meinem Texterinnenherzen.

Der Grundsatz lässt sich bis heute auf praktisch auf jede Art von Text und Werk anwenden. Vorausgesetzt, man scheut die Mühe des Weglassen, des Variierens, des Verfeinerns und Aktivierens nicht – Techniken, die ich insbesondere beim Texttuning anwende. Maar streut viele wertvolle Tipps in seinen Text, es ist eine Lust. Zum Umgang mit Adjektiven und Fremdwörtern beispielsweise, oder zu Einfall versus Jargon und Phrase. Phrasen sind allgegenwärtig in modernen Texten; mir sind sie ein Dorn im Auge, wie im Garten wucherndes Unkraut.

Einfall oder Allgemeinplatz – was sagt Publizist, Satiriker, Kritiker Karl Kraus dazu? Er wollte einen Landtag über die Sprache konstituieren seinerzeit. Natürlich eine Utopie, aber eine sinnvolle! Gewalt durch Sprache, Gendersprache, Fake News, Alternative News usw. gäben ausreichend Anlass für offizielle Diskussion und Handlung.

Craquelé gibt dem Text Spannung

Mit diesem unverbrauchten, eher ältlichen Verb holt mich Maar definitiv ab. Es bedeutet Ausrufen, Schimpfen, Vor-sich-hin-Wäffeln; eingedeutsch schreibt es sich «krakeelen». Wohl führen nur wenige Leserinnen und Leser es im aktiven Wortschatz. Schade, eigentlich. Krakeelen ist so herrlich unverbraucht und gerade in der Schweiz hätten wir einen Freipass, zumindest das elegante «craqueler» häufiger in Artikel einfliessen zu lassen.

Maar setzt Craquelé (Krakelee) ein, um uns die kleinen Abweichungen in Texten und Kunstwerken bildhaft nahezubringen. Wissen Sie, was das Wort bedeutet? Wikipedia erklärt es uns so: «Craquelé» meint etwas „rissig werden lassen“, rissig, gesprungen, Sprung- oder Rissnetz. Das kann sich in Ölgemälden, Steinen, Schmucksteinen, aber auch in Glasuren von Keramikgegenständen sowie Fassadenputzen finden.

Mit solchen Unregelmässigkeiten – wir können sie sogar zu Mustern ausbilden und ein Tiefengeflecht entfachen damit – gewinnt ein Text an Spannung. Ich nutze die Technik, damit der Text bis zu Ende gelesen wird.

Und wie ist das bei Ihnen: Wie bauen Sie Spannung auf in Ihren Texten?

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